Hafenarbeit. Oder: Wirklich sehen braucht Zeit

Kindern lernt man „Augen auf im Straßenverkehr“, dem kleinen Prinzen wurde das oft zitierte „man sieht nur mit dem Herzen gut“ in den Mund gelegt – beides hat Potential aber möglicherweise braucht man sowohl Herz als auch Auge zum wirklichen Sehen. Und es braucht Zeit und einen wachen Geist.

Was heißt aber „wirklich sehen“, wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch die gleiche Szene völlig anders wahr nimmt? Der eine will genau wissen, was da im Hafen mitten im Winter repariert werden muss. Die andere zieht die Kapuze noch fester zu – schnell weiter ins kuschelige Heim.

Unsere menschlichen fünf Sinne versorgen das Gehirn in jeder Sekunde mit unglaublichen 11 Millionen Bits an Informationen (soviel passte gut auf eine HD-Diskette). Würden alle diese Daten von unserem Gehirn bewusst verarbeitet, würden uns sofort alle Sicherungen durchbrennen. Deswegen hat unser „System“ ein paar Sicherheitsfilter eingebaut – unser Tagesbewusstsein verarbeitet von diesen Informationen gerade einmal 40 bis 50 Bits. Also fast 100 Prozent aller Sinneseindrücke landen mehr oder weniger sofort im unterbewussten Bereich – mit zwei Folgen: Wir nehmen einerseits immer nur die von unseren jeweils wieder individuellen Filtern (Löschen, Verdrehen, Vereinfachen) modifizierten Informationen bewusst wahr und andererseits kann über den Weg des Unterbewusstseins diffizil und subtil Einfluss genommen werden.

Für uns Werbeleute eröffnet sich vor diesem Hintergrund ein echtes Dilemma UND ein gigantisches Spielfeld: Um dem oder der Umworbenen eine Botschaft oder ein Bild erfolgreich zu übermitteln, gilt es, die eine Lücke zu finden, den genau passenden Ton, die richtige Farbe und die stimmige Form, um erfolgreich in Resonanz zu gehen. Da ist es sehr hilfreich, wenn du deine Ziel-Gruppe sehr genau kennen lernst, so dass nicht nur die Ansprache „funktioniert“, sondern ein Dialog beginnt, der für beide Seiten Früchte bringt. Dann geht es auch ohne „Gießkannen-Prinzip“, sondern es reichen leise, wohl dosierte Portionen, die ihr Ziel sicher erreichen. Dieser Kunden-Findungs-Prozess braucht Zeit und ist eine Dauerbaustelle.

Und: Bei allem Wissen über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns stehen wir Medienmacher in der hohen Verantwortung, dieses Wissen auf maßvolle Weise einzusetzen. Dann müssen vielleicht auch Manager aus dem Silicon Valley nicht mehr ihren eigenen Kindern verbieten, soziale Medien zu benutzen…

Schauen wir wieder zurück zum Bild ganz zu Beginn und zur Frage: Was genau hast du als erstes gesehen? Die Dame mit der Kapuze oder den über den Bergen aufgehenden Vollmond?

GUT ZU WISSEN & LITERATUR
• Christiane Stenger, Lassen Sie Ihr Hirn nicht unbeaufsichtigt! Gebrauchsanweisung für Ihren Kopf
• Jana Magdanz, Spuren des Geistigen, Die Macht des Mythos in Medien und Werbung 
• Roger Dooley, Brainfluence, 100 Arten, wie Sie mit Neuromarketing Konsumenten überzeugen können
Mondphasen

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